Vier Menschen können sich im Ruderboot prächtig unterhalten. Wenn sie in verschiedene Richtungen rudern, drehen sie sich trotzdem im Kreis.
Eine gute Stimmung fühlt sich angenehm an. Sie sagt wenig darüber aus, wie klar die Zusammenarbeit bleibt, wenn Prioritäten miteinander kollidieren, Vereinbarungen unterschiedlich verstanden werden oder jemand widersprechen müsste.
Menschen können sich mögen, füreinander einspringen und gemeinsam lachen. Gleichzeitig bleiben Aufgaben liegen, Entscheidungen kommen erneut auf den Tisch und schwierige Fragen werden aus Rücksicht auf das gute Miteinander nur vorsichtig angesprochen.
„Wir sind doch ein gutes Team“ kann vollkommen stimmen. Die Zusammenarbeit kann trotzdem viel Zeit und Geld kosten.
Alle nicken und vier Arbeitsaufträge entstehen
Am Montag sagt die Führungskraft im Teammeeting: „Die Kundenanfrage hat diese Woche Vorrang.“
Alle nicken.
Ein Teammitglied unterbricht seine bisherige Aufgabe und beginnt sofort mit der Ausarbeitung. Ein anderes beendet zunächst, was bereits zugesagt war. Eine dritte Person wartet auf Zahlen aus einem anderen Bereich. Die vierte geht davon aus, dass die Kollegin mit dem engsten Kundenkontakt die Koordination übernimmt.
Am Donnerstag fragt der Kunde nach dem Ergebnis.
Das Team hat gearbeitet, niemand hat sich verweigert und jede Person hatte gute Gründe für das eigene Vorgehen. Eine gemeinsame Vorstellung davon, was „hat Vorrang“ konkret heißt, gab es jedoch nicht.
Soll alles andere liegen bleiben? Wer führt die Informationen zusammen? Bis wann braucht der Kunde welche Rückmeldung? Wer entscheidet, falls zwei dringende Aufgaben miteinander konkurrieren?
Aus einem gemeinsamen Nicken sind vier unterschiedliche Arbeitsaufträge geworden.
Zusammenhalt und Zusammenarbeit sind zwei verschiedene Dinge
Zusammenhalt wird spürbar, wenn Menschen einander unterstützen, Informationen teilen und auch in schwierigen Phasen füreinander einstehen.
Zusammenarbeit braucht zusätzlich eine gemeinsame Vorstellung davon, welches Ergebnis entstehen soll, was zuerst bearbeitet wird und wie das Team mit Abweichungen umgeht.
Wenn ich mit einem Team arbeite, interessiert mich deshalb auch, was geschieht, sobald zwei Zusagen miteinander kollidieren. Wer spricht den Konflikt an? Wer entscheidet über die Priorität? Was passiert, wenn jemand eine Vereinbarung anders verstanden hat?
An diesen Stellen wird sichtbar, wie belastbar die Zusammenarbeit ist.
Gerade in Teams mit einem guten Verhältnis werden Unklarheiten leicht überdeckt. Niemand möchte kleinlich wirken oder unnötig bremsen. Also fallen Sätze wie:
„Das bekommen wir hin.“
„Ich schaue es mir an.“
„Wir stimmen uns dazu noch einmal ab.“
Sie klingen verbindlich und lassen für die weitere Arbeit vieles offen.
Wer übernimmt welchen Teil? Wann wird aus „Ich schaue es mir an“ eine Rückmeldung? Wer bemerkt frühzeitig, dass eine Zusage gefährdet ist? Welches Thema darf warten, wenn etwas Neues Vorrang erhält? Die Stimmung bleibt gut, während die unterschiedlichen Vorstellungen weiterarbeiten.
Harmonie kann Klärung verhindern
Widerspruch fühlt sich in einem freundlichen Team schnell störend an.
Wer fragt, welche Aufgabe für die neue Priorität liegen bleiben soll, wirkt womöglich wenig hilfsbereit. Wer eine unklare Zusage hinterfragt, gilt als anstrengend. Wer sagt, dass ein Termin kaum zu halten ist, bremst scheinbar die positive Energie im Raum.
Also bleibt der Einwand unausgesprochen.
Später beginnt die Suche nach der Ursache. Die Führungskraft vermisst Verbindlichkeit. Das Team verweist auf die vielen gleichzeitig laufenden Aufgaben. Einzelne fühlen sich übergangen, andere überlastet, obwohl zu Beginn alle zugestimmt haben.
Das freundliche Nicken war keine gemeinsame Vereinbarung.
Zwischen der ausgesprochenen Priorität und den verschiedenen Vorstellungen davon liegt die teure Lücke.
Sie kostet Zeit durch zusätzliche Abstimmungen, doppelte Arbeit und nachträgliche Korrekturen. Menschen beschäftigen sich erneut mit Themen, die vermeintlich bereits geklärt waren. Auf Dauer leidet auch das gute Miteinander, das alle schützen wollten.
Ein gutes Miteinander braucht Reibung
Ein Team braucht Gespräche, in denen Unterschiede ausgesprochen werden dürfen.
„Die Kundenanfrage hat Vorrang“ wird arbeitsfähig, wenn das Team klärt:
- Was soll bis wann vorliegen?
- Was wird dafür zurückgestellt?
- Wer führt die einzelnen Beiträge zusammen?
- Wann sprechen wir erneut, falls der vereinbarte Weg nicht funktioniert?
Aus einer allgemeinen Richtung entsteht ein gemeinsamer Arbeitsrahmen.
Auch die Führungskraft erfährt dabei, was beim ersten Nicken verborgen blieb. Vielleicht fehlen Informationen. Vielleicht kollidiert die neue Priorität mit einer anderen Zusage. Vielleicht haben mehrere Personen denselben Auftrag unterschiedlich verstanden. Vielleicht ist noch offen, wer entscheidet, sobald der Plan nicht aufgeht.
Dieses Gespräch braucht ein paar Minuten. Die spätere Reparatur oft deutlich länger.
Gute Zusammenarbeit hält Unterschiede aus
Ein starkes Team erkennt man nicht an dauerhafter Einigkeit.
Es kann unterschiedliche Einschätzungen besprechen, ohne daraus einen persönlichen Konflikt zu machen. Ein Einwand richtet sich gegen eine unklare Vereinbarung und greift keinen Menschen an.
„Ich habe eine andere Priorität verstanden.“
„Wenn wir das vorziehen, verschiebt sich meine Zusage an den Vertrieb.“
„Mir fehlt noch, wer am Ende entscheidet.“
Solche Sätze gefährden das Miteinander nicht. Sie schützen die gemeinsame Arbeit vor falschen Annahmen.
Das Ruderboot braucht weiterhin Menschen, die miteinander sprechen und aufeinander achten. Zusätzlich braucht es eine gemeinsame Richtung und eine Verständigung darüber, wie gerudert wird.
Frag nach der nächsten Entscheidung im Team nicht nur:
„Sind alle einverstanden?“
Frag:
„Was wirst Du jetzt konkret tun, und was bleibt dafür liegen?“




